Mein Leben

Mein Leben – Mensch was hab’ ich nicht schon alles erlebt! Ein paar Stories gebe ich hier wieder. Heute kann ich über all die Erlebnisse schmunzeln. Damals, als es passiert ist, war mir sicher anders zu Mute; ich war aufgeregt, wütend, glücklich, verärgert, hoch erfreut, todtraurig, je nachdem.

Ztg19970801_0800
19970801Porträt0800
Es war im August 1997. Sommerferien. Erholung, Ruhe! Denkste. In Büren treiben Kleinkriminelle ihr Unwesen. Als ich selbst Opfer dieser Typen werde, ist bei mir eine rote Linie überschritten worden. Ich wende mich an die örtliche Polizei und die Zeitung (s. Artikel). Auslöser war, dass Fremde hinter unserem Haus an meinem Alfa Romeo die Embleme entwendet haben. Vorher stand schon öfter einmal in der Zeitung, dass Blumenkästen zerstört, Pflanzen herausgerissen, sogar Gullideckel aus der Straße herausgehoben worden waren. Das ist kein Spaß mehr, denke ich. Die Typen will ich haben! Nachts sitze ich 2, 3 Stunden in meiner kleinen Suzi (Suzuki Swift GTi; klein, schnell, wendig) und warte ab, wann die Vandalen auftauchen. Positioniert im Schatten der Straßenlaternen bei Sobizacks, Fenster auf, alles aus, Stille. Erste Nacht, nichts passiert. Zweite Nacht, dito. Dritte, vierte, nichts passiert. Nach einer Woche stoppe ich das anstrengende Leben und schlafe wieder durchgängig im Bett, aber mit offenem Fenster. Und meine Frau weiß heute, ich werde bei jedem Geräusch wach. Damals waren meine Ohren auch noch top. Es ist 2.45 Uhr. Da war doch was. Ja, da sind Personen auf der Straße. Ich springe aus dem Bett, ziehe Schuhe an und binde sie zu (man weiß ja nie ...), setze meine Brille auf, packe den Suzuki-Schlüssel und flitze vor die Tür; ganz sachte. Stadteinwärts schlendern 4 Typen über die Briloner Straße, so auf Höhe der Josefschule, gut 100m von mir. In T-Shirt und kurzer Schlafanzughose sprinte ich zu der fahrbereiten Suzi, die wie immer stadteinwärts geparkt steht. Motor an, die Typen rennen los. Licht an, 1. Gang, 2. Gang, 3. Gang. Sie haben Vorsprung, plötzlich sind sie vom Erdboden verschluckt, weg. Ich fahre jetzt langsam, ohne Licht durch die Straßen, Briloner Straße, Burgstraße hoch, Südmauer, Mittelstraße, Einbahnstraßen gelten jetzt nicht mehr, nicht für mich, ich will sie aufspüren. Ich biege leise in die Nikolausstraße Richtung Marktplatz ein, da sehe ich 4 Personen in Höhe der Sparkasse. Licht an, Vollgas. 4 junge Männer rennen wie irre auf den Marktplatz. Dort stehe diesen Metallpfosten. Die Suzi quietscht in Schlangenlinien über den Markt. 2 laufen in die dunkle Kapellenstraße, 2 in die Sackgasse zum City Supermarkt (heute Minipreis bzw. Combi bzw. nix). Mein Bauch sagt City Supermarkt. Ich sehe beim Einbiegen noch eine Gestalt durch die Passage zur kleinen Tiefgarage verschwinden, Vollbremsung im letzten Moment mit einer 10m Bremsspur, Leerlauf, Handbremse, raus und in die dunkle Gasse, die zu schmal für ein Auto ist. Uiiih, ist das düster. Da ist es erst 'mal vorbei mit Verfolgung. Mein Gehirn schaltet sich ein und sagt: Genug. Lass dir hier im Dunkeln nicht den Schädel einschlagen. Nach 5 Minuten des Wartens ohne ein Geräusch fahre ich zurück. Morgens rufe ich die Polizeidienststelle in Büren an. Die kennen ja meinen Zeitungsartikel. Ich schildere meine Nacht und gebe eine vage Personenbeschreibung ab. Herr Biermann, der Leiter der Dienststelle in Büren, ruft mich einige Tage später an, sie hätten 4 junge Männer. In Büren ist wieder Ruhe eingekehrt.

Aufregung bei Rossmann

Es mag wohl 2013 gewesen sein, genau weiß ich es nicht mehr. Meine Schwester aus Münster war zu Besuch. Wir machten einen kleinen Einkaufsbummel durch Büren. Im Rossmann schauten wir uns gerade nach ein paar notwendigen Artikeln um, als Unruhe im Laden aufkam. Eine Verkäuferin rief etwas, ein Gerangel war zu sehen. “Bleiben sie stehen!” rief die Frau. Eine andere Rossmann-Angestellte, ich denke eine Kassiererin, versperrte plötzlich die Eingangstür. Ich sah aus rund 10m zu und war gespannt, wie das wohl ausgehen würde. Da schnellte ein jüngerer, dunkelhaariger, ungepflegter Mann auf sie zu, mit einer prall gefüllten Stofftasche in der Hand, drängte sie mit Gewalt zur Seite und war zum Laden hinaus gerannt. Ich gab meiner Schwester meinen Rucksack und durcheilte die Gänge und war fast ebenso schnell zur Tür hinaus wie er. Nur hatte ich wochenlang Probleme mit meinem Rücken gehabt und war überhaupt nicht mehr in Form. Fast keine Kondition! Ich hinter ihm her, die Burgstraße runter. “Haltet den Dieb!” brüllte ich im Laufen. Die Passanten auf der Straße guckten mich nur blöde an. Links ab in die Kapellenstraße. “Haltet den Mann!” Kein Mensch da. Er 30m vor mir, Südosteuropäer geschätzt. Dreht sich beim Rennen mehrmals zu mir um, als würde er denken “Was macht der da?”. Der Abstand bleibt gleich. Ich kann nicht schneller, obwohl ich keine Tüte habe. Soll ich alles geben und ihm von hinten in die Hacken treten, damit er auf’s Maul fällt. Rechts runter in die Rosenstraße. “Haltet den Dieb!” Zwei Personen schauen mich nur doof an. Südeuropäer haben meist Messer, schnellt es mir durch den Kopf, vielleicht sogar ‘ne Wumme. 20m Abstand. Wenn ich ihn zu Fall bringe, verklagt mich garantiert noch ein deutscher Anwalt, meint mein Unterbewusstsein. Ich kann nicht mehr. Unten am Ende der Rosenstraße halte ich, hole mein Handy hinten aus der Jeans, muss es einschalten, Scheiße, der PIN, wieso dauert das solange, soll ich parallel weiter hinter dem her rennen? Mein Puls ist bei über 180. Ja, komm schon, 110. Endlich, die Polizei. “Ich stehe hier … Er ist Richtung Neuer Weg, Bahnhofstraße gelaufen. Ich kann nicht mehr laufen. … Ich erwarte Sie bei der Alten Post.” Ich gehe schnell zur verabredeten Stelle, mein Rücken, meine Lunge, ich laufe nicht. Aber vielleicht ist der Streifenwagen schon da oder sie haben ihn bereits. 15 Minuten später kommt der Wagen mit 2 Mann Besatzung. Ich steige ein, schildere noch ‘mal den Vorgang, habe ein kleines bisschen das Gefühl, die könnten denken, ich sei sein Komplize. Wir fahren kreuz und quer durch Büren, ich sehe den Typen nirgendwo. Dann geht’s zurück zu Rossmann. Die Kassiererin überzeugt einen Polizisten, dass ich wirklich nichts mit dem Diebstahl zu tun habe. Personalien angeben etc. Viel später – ich gehe nochmal runter Richtung Neuer Weg –  sagt jemand, da ist einer in ein wartendes Auto am Neuen Weg gestiegen und dann sind sie mit hohem Tempo weggefahren. Ok, dann kam der Streifenwagen wohl knapp 15 Minuten zu spät. …

Bei meinen Schwiegereltern auf der Lied habe ich eine ähnliche Aktion geritten, um “Klingelmännchen”-Jugendliche endlich dingfest zu machen. Da hatten wir auch Erfolg. Das ist nun auch schon ein paar Jahre her. Würde ich heute wieder so handeln?
Ja.

PS:
Ich wollte nach der Bundeswehrzeit einmal zur Kripo, bin aber an der Aufnahmeprüfung in Essen gescheitert. Dann Maschinenbau, danach Lehramt. So spielt manchmal das Leben und hinterher ist man fast immer der Ansicht “Gott sei dank ist es genau so gekommen!”

Das denke ich heute auch bei so mancher Bekannten von früher. Ich hätte meine tolle Frau nie kennengelernt!

Hier noch ein Tipp für meine Kinder, die eigenen und die vom Michaelskloster:
Seid nicht traurig, wenn einmal jemand in der Beziehung Schluss macht. Der verdient euch nicht. Später werdet ihr sehr, sehr wahrscheinlich denken: Gott sei dank ist daraus nichts geworden!

An Tagen wie diesen …

Sehr früh morgens starten mein Bruder Raimund und ich nach Nienburg, Niedersachsen. Wir schreiben Herbst 1991. Die Deutschen Meisterschaften des BDMP für Großkaliber-Gewehre stehen an. Wir rollen wie fast immer in meinem Alfa Romeo 75 Amerika zu den Schießwettbewerben. Ich bin erst seit Mitte 1990 dabei und habe außer kleinen Achtungserfolgen noch nicht viel erreicht. Trotzdem fahre ich immer los, um etwas besser zu werden, um gut zu schießen, um letztlich Erster zu sein, wenn ich ehrlich bin. Alles andere ist gut, ist schön, macht auch Spaß, aber es fehlt eben was. Mein Bruder Raimund ist eine Koryphäe im Großkaliberschießen. Er hat den Schrank voller Pokale stehen. Dank Raimunds Ausstattung sind wir sehr gut vorbereitet. Jede einzelne Patrone im Kaliber 7,62 ist handgefertigt. D. h., wir haben die Hülsen mit Zündtütchen bestückt, das Schießpulver unserer Wahl im Milligrammbereich exakt dosiert. Die Geschosse absolut gleich hineingepresst. Diese „Gleichheit der Patronen“ bietet die gekaufte Ware nicht. Und selbstgemachte Patronen sind preiswerter. Das Wetter spielt mit, es ist sonnig und warm. Gemeldet sind wir beide für die 100m und 300m mit dem Dienstgewehr, also DG1 und DG2. Ich bin nervös. Meine ersten Deutschen. … Im dem 100m Wettbewerb DG1 lief es sehr gut. Die 20 Schusslöcher kannst du locker mit einer kleinen Kinderfaust abdecken. Innerlich träume ich „Hoffentlich bleibe ich auf Platz 1. Nur Raimund darf mich noch übertreffen.“ Mal sehen. Ich habe mich in der großen Pause bis zum 300m-Einsatz abgeschottet, liege auf dem Rasen, Augen zu, versuche ruhig zu bleiben. Dann geht es weiter. 1te Scheibe (mit 10 Schuss) super. Ich liebe mein Gewehr. Ein Scharfschützen-Gewehr der Amerikaner aus dem 2. WK und dem Koreakrieg, halbautomatisch; habe es im Frühjahr von einem BDMP-Bekannten aus Iserlohn erworben, einen Garand M1. Auch die 2te Scheibe hat ihre 10 Treffer bekommen. Jeder Schuss wird von mir genau gecheckt per 30fach Fernrohr. Wo liegt die Einschussstelle, habe ich einen Abzugsfehler gemacht, muss ich mein Mikrovisier leicht korrigieren. Das kann wärmebedingt oder wetterbedingt notwendig sein. Wir schießen liegend ohne Zielfernrohr. Dabei musst du dir natürlich merken, welche Löcher „alt“ sind. Und wenn kein neues Loch entstanden ist? Ja, dann hast du in ein vorhandenes getroffen (sehr unwahrscheinlich) oder daneben geschossen (noch unwahrscheinlicher). Ich hab‘s hinter mir. Verschwitzt, aber zufrieden. Blick auf die vorläufigen Ergebnislisten. Sieht noch gut aus. 17 Uhr. Alle haben geschossen. Ich kann es nicht glauben. Ich Neuling bin zweimal Deutscher Meister geworden; der BDMP nennt es damals noch Bundesmeister. Raimund ist knapp dahinter platziert. Schade. … Am späten Abend zu Hause. Ich bin Anti-Alkoholiker, ich leiste mir einen Piccolo-Sekt, den meine Eltern im Keller haben, und sitze allein in meinem Arbeitszimmer. Ein herrliches Gefühl. Irgendwie kann ich es an diesem Abend noch nicht glauben.

BDMP_DM1991_1600

An Tagen wie diesen …

Ein Sonntag. Herrliches Wetter. Motorradwetter. Ich war morgens in der Hl. Messe und bin zur Kommunion gegangen. Das gab mir damals immer ein Gefühl der Unverwundbarkeit. Gott hält die Hand über dich! Entstanden ist dieser Glaube bei diesem Erlebnis: Ich war im USA-Urlaub bei meiner Schwester. Am nächsten Tag muss ich zur Uni. Auf dem Weg nach Paderborn, auf dem „Autobahnzubringer“ L776, bin ich in meinem alten VW 1600 wegen Übermüdung kurz eingenickt, wache auf und sehe 50m vor mir einen riesengroßen Lkw. Ich reiße das Lenkrad nach rechts, höre die Lkw-Hupe und kann den schlingernden Wagen gerade noch abfangen. „Danke lieber Gott!“ So ist das bei mir entstanden. Zurück zum Sonntag. Wo soll es hingehen? Die alte Bergrennstrecke im Arnsberger Wald macht sehr viel Spaß, die geht von Hirschberg nach Oeventrop herunter. Sie besteht aus sehr vielen Kurven, dazu gibt es „Aussichtspunkte“, wo bei gutem Wetter sonntags eine Menge Leute stehen oder sitzen, um die Fahrkünste der verkappten Rennfahrer zu bestaunen. (Heute darf man hier nur noch 50 fahren.) Da fahre ich heute hin. Ich rolle die Strecke auch zweimal hoch und runter und nehme dann bei den Zuschauern am Außenrand einer Kurve Platz. Wie unterschiedlich doch die einzelnen Menschen hier fahren. Dann wieder: „Uii, das war knapp. … Schau dir den mal an, wo hat der denn das Fahren gelernt. usw.“ Später steige ich auf meine Yamaha RD 350 und fahre runter und hoch und wieder herunter. Jetzt will ich doch ‘mal sehen, was geht. Die vielen Zuschauer motivieren zusätzlich im Körper eines jungen Motorradfahrers. Eine vierfach Kurvenkombination, dann eine rechts, kurze Gerade, Vollgas, anbremsen der Linkskurve. Aber die Bodenwelle hebt bei diesem Tempo mein Vorderrad hoch, der Reifen verliert den Kontakt, rutscht, ich löse die Bremse, Kontakt, bremse, bremse. Oh, nein, die Kurve schaffst du nicht mehr. Jetzt hilft nur weiter voll in die Eisen greifen. Der Graben kommt auf mich zu, ich verliere die Orientierung, spüre es schleifen und scheppern, dann ein eher dumpfer Knall. Meine wunderschöne umgebaute RD 350 liegt vor der Stoßstange eines geparkten Autos auf dem Parkplatz am Außenrand der Linkskurve. Ich 10m weiter auf dem Splitt. Sofort rennen Leute herbei und helfen mir. Ich kann mit ihrer Hilfe auf den Beinen stehen, bin ok. Aber die Yamaha. Und wem gehört das Auto? Der Besitzer ist schnell ermittelt. Halb so schlimm, Metallstoßstange eines Fords, nicht kaputt, nur Kratzer, alles gut. Wir stellen die Yamaha wieder aufrecht. Aua. Ich habe mit meinem Körper beim Überschlag die Verkleidungsscheibe abgerissen, die Armaturen sind beschädigt, die Vorderbremse nicht mehr bedienbar. Der Schalthebel steht auf halb acht. Tank verbeult, Scheinwerfer, Blinker, alles erledigt. Ich selbst hatte einen guten Schutzengel. Helm und Lederkombi weisen tiefen Sturzspuren auf, das Visier ist zerbröselt. Was tun? Die Jungs helfen mir beim Antreten der Yamaha. Sie springt an. Du willst doch nicht etwa …? Doch, ich will. Ich lasse sie hier nicht zurück. Ich habe dann die Heimfahrt angetreten, ein Gefühl wie ein geprügelter Hund. Da das Schalten kaum mehr möglich war, bin ich dann sehr gemütlich – hatte ja auch nur die verbogene Trommelbremse hinten und nur einem Gang und verbogene Lenkerstummel – nach Büren gerollt. Wie soll ich das nur reparieren und bezahlen. Ich, ein mittelloser Student. Verdammt. Ich bin die 50km zurück und war todtraurig. Über den Schaden, über den Fahrfehler, über beides? Ab Montagabend wurde es schlimmer. Mein Körper war mit blauen Flecken überzogen, die Rippen geprellt, ich habe mich tagelang nur noch durchs Haus geschleppt.

An Tagen wie diesen …

Dienstag, 26. März 2019. Papa hat heute Geburtstag. Es wäre sein 96ter geworden. 20 Jahre ist das nun schon her!

Dienstag, 16. März 1999, 14.30 Uhr. Ein schöner, trockener Märztag. Ich sitze in meinem kleinen Arbeitszimmer und korrigiere Mathematikarbeiten. Ach, die Haustür fällt zu. Ich gehe schnell zum Fenster und öffne es. Papa sitzt schon im Opel, Mama winkt mir noch freundlich zu. “Tschüss, bis heute Abend!” Sie fährt mit meinem Papa ‘mal wieder nach Anröchte, um ihre Freundin und deren Mann zu besuchen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich meine Mama lebend gesehen habe.

Gegen 18.30 Uhr klingelt das Telefon. Ich nehme ab, eine aufgeregte Stimme – eine mir unbekannte Frau aus Weine – erzählt mir, dass meine Eltern an der Einmündung der Straße von Eickhoff auf die L776 in einen Unfall verwickelt seien. Ich rufe sofort hoch zu Raimund und sage ihm, dass Papa und Mama wohl einen Unfall hätten und wir sofort zur Unfallstelle fahren müssten. Wir springen in meinen Suzuki Swift und ich donnere los über Weine den Berg hoch. Von weiter Entfernung sehen wir etliche Blaulichter blinken. In der aufkommenden Dämmerung ist ihr Aufblitzen direkt nach Erreichen der Anhöhe hinter Weine zu sehen. Uns beschleicht ein ungutes Gefühl. Die letzten Meter nähern wir uns vorsichtig, parken und rennen in die abgesperrte Unfallstelle. Rettungswagen, Feuerwehrwagen, Polizeiautos. Wir sind geschockt. Wir suchen unsere Eltern. Ich entdecke Papa. Er hockt mit einem Helfer, in eine Decke gewickelt, an der Leitplanke. Ich kümmere mich um ihn. Raimund sucht Mama. Dann versuche ich noch, den Unfallhergang zu erfragen. Genaues weiß niemand. Ein junger Mann soll laut Zeugenaussage mit fast 200km/h auf dem Hellweg (L776) entlanggerast sein. Papa ist mit dem Opel aus Eickhoff kommend auf die Vorfahrtstraße eingebogen und hat das Tempo des sich mit sehr großer Geschwindigkeit nähernden Opel Kadett GSi nicht richtig eingeschätzt (einschätzen können). Der Opelfahrer zieht noch leicht nach links über die Fahrbahnmitte. Nach einer etwa 30m langen Vollbremsung kollidieren die beiden Autos in spitzem Winkel. Papa und Mama hatten vielleicht gerade mal 30-40km/h erreicht, der Kadett soll laut Sachverständigengutachten mit etwa 150km/h auf unseren Opel Rekord getroffen sein. Der junge Kadettfahrer aus einem Ort ganz in der Nähe gerät durch die Wucht des Aufpralls auf die linke Fahrbahnseite und knallt dort mit voller Wucht gegen einen Baum. Er wird lebensgefährlich verletzt. Ich weiß bis heute nicht, was aus ihm geworden ist.
Ich habe Mama nicht mehr gesehen. Raimund schon. Sie war nicht mehr ansprechbar im Rettungswagen. Es steht schlecht um sie. Papa wird mit dem Krankenwagen nach Büren auf die Intensivstation gefahren, Mama wird nach Paderborn ins Brüderkrankenhaus transportiert. Raimund und ich entscheiden uns, Mama hinterherzufahren. Unterwegs hält der Rettungswagen einmal an, um medizinische Maßnahmen durchzuführen. Kein gutes Zeichen, denken wir. Später stehen wir vor dem Josefs-Krankenhaus an der Husener Straße und warten. Im Krankenhaus lassen sie uns nicht zu Mama. Draußen ist Handy-Empfang. Per Telefon hatte ich Gundi erreicht, die im Laufe des Abends zu uns nach Paderborn kam. Die Ärzte halten sich bedeckt. Ein Fahrzeug mit weiteren Blutkonserven wird angefordert. Per Telefon geben wir Birgit und Gaby laufend Bericht. An Papa im Bürener Krankenhaus denkt im Moment niemand von uns. Kurz nach Mitternacht, nach über vier Stunden des zermürbenden Wartens erfahren wir die niederschmetternde Wahrheit: Mama ist tot. Jegliche Rettungsversuche der Ärzte waren vergeblich. Mama ist innerlich verblutet.
Das Unvorstellbare ist eingetreten. Mama ist tot! Als wir sie dann dort sehen konnten, einfach nur tot; es war grausam.
Bis heute sehe ich noch ihren letzten Blick zu mir hoch ans Fenster.
Die Beerdigungsmesse in St. Nikolaus und die anschließende Beerdigung auf dem Friedhof fand am Samstag statt. Wir fünf Weber-Kinder haben uns Mühe gegeben, alles so schön wie möglich zu gestalten. Papa war auch schon dabei; er wurde im Rollstuhl von Charly gefahren. Ich denke, Papa hat es nie verwunden. Egal wie schnell der andere Fahrer war, er fühlte sich mitschuldig am Tod seiner Frau, unserer Mama. Papa erlitt Rippenbrüche, Quetschungen und Blutergüsse im Brustkorb. Die Unfallverletzungen führten letztlich 1 ½ Jahre später zu seinem Tod im Dezember 2000. Vorher durchlebte er eine monatelange Leidenszeit in verschiedenen Krankenhäusern in Büren, Paderborn, Bielefeld und Bad Wünnenberg. Kurz vor seinem Tode erzählte Bianca ihm noch, sie sei schwanger. Ein Lächeln huschte durch sein Gesicht…
Am 1. Dezember, einem Freitag, sage ich meinem Papa in Bad Wünnenberg: “Papa, Bianca und ich holen dich Montag zu uns nach Büren. Du bekommst ein Pflegebett und wir kümmern uns um dich zu Hause.” Am nächsten Morgen bekomme ich in der Schule – es war unser Tag der offenen Tür – den Anruf, Papa sei tot.

An Tagen wie diesen …

Ich kann mich noch genau an diese Zeiten erinnern. Mein Vater hatte in den 1950er, 1960er und noch in den 1970er Jahren eine kleine Öl- und Schmierstoffhandlung als Nebenerwerb. Er war ja Landmaschinenmechaniker, gelernter Kfz-Mechaniker. Über seine Arbeit bei der Fa. Willi Betten, Bahnhofstraße, kam er in Kontakt mit etlichen Bauern dieser Gegend. So wurde sein Kundenstamm größer und größer. Die Bauern kauften nicht nur Motorenöl, Getriebeöl, Schmierfett oder den Dieselzusatz Autol Desolite bei ihm, sie hatten auch häufig kleinere Defekte an ihren Traktoren und Hängern, auf die Papa dann angesprochen wurde, wenn er das Öl auslieferte. Diese Reparaturen machte Papa fast immer unentgeltlich, was ich nie verstanden habe. Die überwiegende Mehrheit der Bauern feilscht um jeden Pfennig, kauft die Ware immer dort, wo es am preiswertesten ist und nutzt dann noch die Gutmütigkeit Papas voll aus! Na ja.
Ein Nachmittag im Jahre 1967. So etwa einmal im Monat bekamen wir Ware von den Autol-Werken in Hannover. Ein Lastzug kam aus Hannover-Wülfel zu uns und lieferte meist den Anhänger oder die Zugmaschine voll Motor-, Getriebeöle, Fette und Treibstoffzusätze (Desolite) bei uns an. Der untersetzte Fahrer fuhr morgens früh dort in Hannover los, tuckerte über Hameln und Paderborn nach Büren. So gegen 13 bis 14 Uhr erreichte er dann Büren. Es klingelte an der Haustür und ich öffnete die Garage, die noch in unserem Keller zu dieser Zeit war. Er lud die Fässer, Eimer und Kartons ab. Das war immer harte Arbeit, speziell wenn es draußen noch dazu heiß war. 55-Liter-Fässer, 20-Liter-Eimer, manchmal auch 200-Liter-Fässer. Alles wurde einzeln von der Ladefläche heruntergetragen. Hydraulische Hebebühnen gab es am Lastzug nicht. Die schweren Fässer ließ er meist auf zwei Lkw-Reifen fallen, danach kullerten sie auf den Bürgersteig und bekamen auch schon mal heftigere Beulen. Wenn wir Pech hatten, lief später das Öl heraus. So erhielten wir in der Regel um die 30 bis 50 Gebinde. Die Fässer musste er mit einer Sackkarre hinters Haus fahren, die Eimer und Kartons tragen. Ich habe immer darauf geachtet, dass die Garage frei blieb. Schließlich wollten Papa und ich nach unserem System alles einräumen und der Opel Rekord Caravan musste auch noch reinpassen. Ich habe dann die Eimer und Fässer, so hoch ich es mit meinem kleinen Körper schaffte, einmgeräumt. Zwei Fässer übereinander, vier Eimer übereinander. Die obersten Etagen musste Papa machen. Aber das meiste habe ich immer erledigt so ab meinem 14 Lebensjahr. Und ich bin sehr gern mit meinem Papa abends zu den Kunden gefahren und habe so die Bauern, die Trecker und die Hunde kennengelernt.
Nach dem Abladen fuhr der Fahrer dann zwei Kilometer bis Weine, wo er in der Gastwirtschaft Thöne einkehrte und übernachtete. Am nächsten Morgen fuhr er weiter bis Brilon, um dort die Briloner Ware auszuladen. Dann ging es retour nach Hannover. Zwei volle Tage dauerte so ein Ausflug mit den Schmierstoffen. Und überschlagen hat sich der gute Mann nicht. Muss er auch nicht, die Tage waren lang und anstrengend genug. Als ich älter und etwas stärker wurde, habe ich ganz gern geholfen beim Entladen am Lkw und Ware mit Lieferschein vergleichen. In den 1970er Jahren änderte sich das Bild. Einerseits ging unser Verkauf zurück – Papa war kein Landmaschienschlosser mehr, andererseits stellten die Autol-Werke fest, dass die Anlieferung per Spedition preiswerter war. Auch mussten keine eigenen Lkw mehr vorgehalten werden. Für die Fahrer das Aus. Schade! Ich habe mich immer gefreut, wenn der schwre Lastzug (nach damaligen Maßstäben) zu uns kam. Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an die TV-Serie “Fernfahrer”. Die passt sehr gut in diese Situation. Maximal 60km/h auf der Bundes- oder Landstraße, im Schnitt wohl höchstens 50km/h, das dauerte eben. Das Fernfahrerleben war noch ruhiher als heute.

WH 1967_0800
Im Jahre 1967: Hier hielt der Lastzug der Autol-Werke so, dass die Abladestelle direkt an der Garageneinfahrt war. Die zweite Linde kurz vor der Garageneinfahrt sieht man hier nicht.
WH 1967 Raimund hinterm Haus_0800
Im Jahre 1967: Diesen kleinen Berg herunter musste alles transportiert werden.
Öllieferungen an die Bauern
Hier bin ich schon etwas alter als im Text. Wir haben bereits angebaut und eine separate Garage. Die runden Gebinde passen noch in den Text-Kontext. Später wurden sie gegen eckige ausgewechselt; die konnte man besser und enger stapeln.
WH 1967 Familie hinterm Haus_0800
Dort ist 1967 unsere Garage; viel Öl und wenig Auto hinter dem Tor, möchte man meinen. Ein heutiges Fahrzeug wie unser Ford oder unser KIA würden noch nicht einmal durch Tor passen. Zu breit. Wo früher die Schmierstoffe sich türmten und der Opel stand, befindet sich heute a) ein Bad und b) in der hinterer Hälfte ein Keller mit Trockner und Waschmaschine. Ja, und auf der "Sonnenfläche" hat Julie ihr Wohnzimmer.

Wir werden immer älter – von 1953 bis heute

In dem nachfolgenden Bilder-Karussell habe ich bewußt die Bilder nicht chronologisch sortiert. Es geht hoch und runter in den Jahren. Die Bilder spiegeln die Veränderungen an mir und des Zeitgeistes wider. Sie wecken Erinnerungen und Emotionen und lassen mich schmunzeln.

Menü schließen